Offener Brief der Aramäer in Deutschland an die Bundesregierung
Heidelberg, 12.12.2011
Offener Brief an die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,
Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Prof. Dr. Lammert,
verehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages,
nach den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens vom 30. Oktober 1961 und der scharfen Kritik des türkischen Ministerpräsidenten an der deutschen (Integrations-)Politik kehrt abermals Ernüchterung ein.
Als Dachverband der Aramäer in Deutschland und zivile Vertretung der 100.000 in Deutschland lebenden und sehr gut integrierten Aramäer wissen wir um die essentielle Bedeutung des Erlernens der deutschen Sprache als notwendigen Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration und weisen diese Kritik als anmaßend und völlig inakzeptabel zurück.
Während Erdogan der Bundesrepublik Deutschland vorwirft Menschenrechte zu verletzten, erreichen die Verstöße gegen Minderheiten- und Menschenrechte, die Diskriminierungen und Agitationen des türkischen Staates gegenüber der urchristlichen Gemeinschaft der Aramäer, eine gefährliche und sehr besorgniserregende Qualität.
Im Geschichtsbuch der zehnten Klasse aus dem Jahre 2011 – herausgegeben vom türkischen Ministerium für Bildung und Erziehung – werden die Aramäer des Landesverrats bezichtigt, die aus wirtschaftlichen Gründen aus der Türkei ausgewandert und im Westen zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen der dortigen Länder geworden seien.
Die Bundesrepublik Deutschland ist somit gefordert, diesen absurden Behauptungen entschieden entgegenzutreten und klar Stellung zu beziehen. Einschüchterung- und Hetzkampagnen dieser Art gegenüber der fast ausgerotteten Gemeinschaft der Aramäer dürfen nicht langer hingenommen werden.
Die indigene aramäische Bevölkerung wird in ihrer Heimat, dem Turabdin im Südosten der Türkei seit Jahrhunderten verfolgt. Lautlos, nahezu unbemerkt stirbt hier ein ehemals großes Volk, verschwindet eine Kultur, geht eine biblische Sprache verloren. Im ersten Weltkrieg wurden die Aramäer wegen ihres urchristlichen Glaubens verfolgt und Hunderttausende Opfer des an 3,5 Millionen Christen im Osmanischen Reich begangenen Völkermordes. Während des jahrzehntelangen Kampfs zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee im Südosten des Landes flohen Tausende aus ihrem Siedlungsgebiet am “Berg der Knechte Gottes”. Von einst 200.000 Menschen in den 60er Jahren leben heute nur noch 2.000 in ihrer angestammten Heimat.
Auch das seit 2008 andauernde juristische Kesseltreiben gegen das aramäische Kloster Mor Gabriel und seine Leitung ist ein juristischer und politischer Skandal. Erdogan und seine Regierung verstecken sich hinter der Unabhängigkeit der Justiz, während es staatliche Behörden sind, die die Enteignungsverfahren gegen das Kloster unnachgiebig fuhren. Das Kloster wurde mittlerweile um große Flächen rechtskräftig enteignet. Ziel dieser systematischen, juristischen Angriffe ist zum einen die letzten verbliebenen Aramäer in der Region zu zermürben und zu vertreiben. Zum anderen werden sie dadurch in der öffentlichen Meinung und in der regionalen Bevölkerung gezielt diskreditiert und damit politisch und gesellschaftlich isoliert.
Dieses vom türkischen Staat veröffentlichte, aktuelle Schulbuch heizt die negative Stimmung gegen die wenigen noch verbliebenen Aramäer weiter an. Bereits im April 2003 fiel das türkische Ministerium für Bildung und Erziehung unter der damaligen Leitung von Huseyin Celik mit Dekreten gegen christliche Minderheiten auf. Das Ministerium veranlasste die türkischen Schüler dazu, an einem Aufsatzwettbewerb über die angebliche „Volkermordlüge” der Armenier, Pontosgriechen sowie Aramäer mitzuwirken. Gleichzeitig verpflichtete das Ministerium die türkische Lehrerschaft zur Teilnahme an dazu passenden Fortbildungsmaßnahmen und hat die Neuauflagen veralteter türkischer Schulbücher vorgenommen, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als „Spione“, „Verräter“ sowie „Barbaren“ bezeichnet werden. Zudem verweisen die Bücher darauf, dass deren Schulen, Kirchen sowie jüdische Synagogen „schädliche Gemeinden“ sind.
Wer Zuneigung und Toleranz einfordert, muss diese Eigenschaften auch selbst an den Tag legen. Für den türkischen Staat ist die Zeit gekommen, die kulturelle Vielfalt im Land zu akzeptieren und zu schützen – anstatt sie zu bekämpfen.
Gemeinsam mit den Mitunterzeichnern fordern wir, als Dachverband der Aramäer in Deutschland, die deutsche Bundesregierung eindringlich auf, sich für folgende Maßnahmen einzusetzen:
1. Die türkische Regierung offen auf die eklatanten Missstande, insbesondere die ethnische und religiöse Vorurteile verstärkenden Hetze in dem genannten Schulbuch anzusprechen und eine entsprechende Richtigstellung zu fordern[...]
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Berlin (ots) – Die Föderation der Aramäer in Deutschland (FASD) e.V. hat sich in einem Offenen Brief an die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag gewandt. Hintergrund ist die Veröffentlichung eines türkischen Geschichtsbuches, in dem die Aramäer u.a. als Landesverräter bezeichnet werden. Dazu erklärt die Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach:
“Die Darstellung des aramäischen Volkes als Landesverräter, die aus wirtschaftlichen Gründen die Türkei verließen und zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen dieser Länder geworden seien, ist ein offener Skandal und schlichtweg falsch.
Vielmehr ist die Wahrheit, dass die aramäische Bevölkerung in ihrer Heimat Tur Abdin seit Jahrhunderten verfolgt wird. Der Niedergang des aramäischen Volkes, der Kultur und der Sprache vollzieht sich bis heute still und leise.
So wird die Linie des veralteten türkischen Schulbuches weiter geführt, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als “Spione”, “Verräter” sowie als “Barbaren” bezeichnet werden und Schulen, Kirchen sowie jüdische Synagogen als “schädliche Gemeinden” diffamiert werden.
Das vom türkischen Staat veröffentlichte Schulbuch heizt die negative Stimmung gegen die verbliebenen Aramäer weiter an. Die türkische Regierung ist in der Pflicht, die falsche Darstellung in den Schulbüchern zu korrigieren, die Existenzgrundlage des Klosters Mor Gabriel nicht weiter zu beschneiden sowie die Aramäer endlich als nicht-muslimische Minderheit anzuerkennen.
Völkermord, Flucht und Vertreibung sowie Landenteignungen haben dazu geführt, dass das aramäische Volk zu einer Diaspora-Gemeinschaft geworden ist. Heute leben mehr Aramäer im Ausland, als in ihrer alten Heimat Tur Abdin. Von einst 200.000 Menschen in den 60er Jahren leben heute nur noch 2000 im Südosten der Türkei.”
Originaltext: CDU/CSU – Bundestagsfraktion Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/7846 Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_7846.rss2
Pressekontakt: CDU/CSU – Bundestagsfraktion Pressestelle Telefon: (030) 227-52360 Fax: (030) 227-56660 Internet: http://www.cducsu.de Email: pressestelle@cducsu.de
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Istanbul (KNA) Vertreter der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei haben die Darstellung ihrer Glaubensgemeinschaft in einem staatlichen Schulbuch kritisiert. Laut einem Bericht der Zeitung «Radikal» (Montag) werden die Christen in dem Geschichtsbuch für die zehnte Klasse als Landesverräter beschrieben, die aus wirtschaftlichen Gründen aus der Türkei ausgewandert und im Westen «zum Werkzeug der politischen und religiösen Interessen der dortigen Länder» geworden seien. Vertreter der syrisch-orthodoxen Christen beklagten laut dem Bericht, dadurch werde die Feindschaft gegen die christliche Minderheit noch weiter vertieft.
In den vergangenen Jahrzehnten hatten viele syrisch-orthodoxe Christen ihre Heimat in Südostanatolien verlassen, weil sie im Krieg zwischen dem türkischen Staat und den kurdischen PKK-Rebellen zwischen die Fronten geraten waren. Die meisten Auswanderer siedelten sich in Deutschland und der Schweiz an. In jüngster Zeit sind einige wieder in ihre alten Dörfer im Gebiet um das alte Kloster Mor Gabriel in der Provinz Mardin im Südosten der Türkei zurückgekehrt.
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