Deutschland: Weihnachten unter Polizeischutz!
Interview mit Anba Damian, Bischof der Koptischen Kirche in Deutschland.
Weihnachten unter Polizeischutz haben die Kopten in Dortmund und in anderen Städten gefeiert – wie blicken Sie dem Fest, das heute Abend beginnt, entgegen?
Damian: Die Sorge ist vorhanden, nicht zuletzt weil ein Bischof aus Ägypten im christlichen Fernsehen gesagt hat, dass wir mit einem erneuten Anschlag rechnen müssen. Und das bringt sehr viel Turbulenzen in den Gefühlen. Zum einen Freude über das Fest, zum anderen Trauer über die Kopten, die getötet wurden. Ich blicke dem Fest mit Freude und Besorgtheit entgegen.
Wenn die Kopten keinen Polizeischutz bekommen hätten, hätten sie die Weihnachtsfeier ausfallen lassen?
Damian: Nein, die Kopten sind sehr mutig. Sie haben eine sehr enge Beziehung zu ihrer Kirche und sie lassen sich von niemandem in irgendeiner Weise erschrecken. Sie haben keine Scheu, sie gehen in die Kirche mit allen Konsequenzen. Wir Kopten sind eben Kinder der Märtyrer, die auf alle Fälle – sogar trotz aller Bedrohungen – zum Gottesdienst gehen. Es gibt niemanden, der uns von unserem Gotteshaus trennen oder der uns zwingen kann, uns von unserem Gotteshaus zu distanzieren.
Woher kommt der Hass gegen die christlichen Minderheiten?
Damian: Das sind bestimmte Ideologien und Lehren, die eben die undifferenzierten Menschen und die Analphabeten mit Hasspredigten bewegen und zu Attacken gegen uns stiften. Die richtigen Kriminellen sind nicht diejenigen, die Waffen oder Munition bei sich tragen und benutzen, sondern diejenigen, die Hass predigen und die undifferenzierten Menschen mit Wut und Hass beladen, die dann letztendlich auf uns losgehen und uns angreifen. Diese Menschen sind nicht von Natur aus von Hass geblendet, vielmehr wurden sie so „ausgebildet“ und so handeln sie dann auch.
Meinen Sie die Islamisten?
Damian: Ja.
Müssen auch die deutschen Christen irgendwann Angst vor einer Verfolgung durch den Islam haben?
Damian: Ja. Um nur ein Beispiel zu nennen: Während unseres letzten Weihnachtsfestes in Düsseldorf haben die Salafisten dort mitten in der Innenstadt DVDs verteilt, in denen es sinngemäß darum ging, dass der Islam die einzig wahre Religion sei. Die Muslime versuchen, die Welt zu erobern, sie wollen Dominanz erreichen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht.
Sie haben regen Kontakt zu den katholischen und evangelischen Geistlichen in Deutschland. Warum ist das Ihnen so wichtig?
Damian: Die Ökumene ist sehr wichtig zum Leben und zum Überleben. Das ist wie mit dem Leib Christi – wenn in Ägypten eine Kirche leidet, leidet mit ihr auch andere Kirchen und Konfessionen weltweit. Deswegen müssen wir immer zueinander rücken und uns gegenseitig stärken und Solidarität zeigen. Und: Die Geschichte der koptischen Kirche bildet die Wurzeln des Christentums. Meine Geschichte ist ihre Geschichte. Und wer die Kirche in Ägypten unterstützt, der tut etwas auch für seine eigene Kirche.
Sie sind der Oberhirte der koptischen Kirche in Deutschland – wie oft bekommen sie Anrufe von Menschen aus Ihrer Heimat, die Sie um Hilfe bitten?
Damian: Ich bekomme an einem Tag mehr als 500 Mails, Facebook-Eintragungen und die Zahl der Anrufe ist auch enorm gewachsen. Da können Sie sich vorstellen, wie die Situation zurzeit aussieht.
Glauben die Ägypter, dass ihnen jemand, der hier lebt, besser helfen kann?
Damian: Ja, so ist es. Sie schauen hoffnungsvoll auf die Christen, die außerhalb Ägyptens leben, und erwarten, dass wir die Hände ausstrecken und ihnen helfen.
Haben Sie Unterstützung auch seitens der Kirchen in Deutschland erfahren?
Damian: Wir haben sehr viel moralische Unterstützung von Kirchen erfahren. Von vielen Gemeinden, aber auch von vielen Einzelpersonen haben wir mehr als verbale Kondolenzen dankend erhalten.
Die Revolution in Ägypten am 25. Januar war ein Thema auch in Deutschland. Haben auch die Kopten an der Revolution teilgenommen?
Damian: Ja, ich meine sogar, dass die Kopten die Initiatoren der Revolution waren.
Sie haben in einem Interview gesagt, die Christen könnten die Gewinner der Revolution sein, hat sich das bewahrheitet?
Damian: Allein die Tatsache, dass die Menschen keine Angst mehr vor einem Regime haben und dass sie jetzt mutiger sind, über ihre Probleme zu reden, und dass sie der Welt gezeigt haben, dass es in Ägypten nicht nur Muslime, sondern auch Christen gibt – das halte ich für positiv. Was nicht positiv ist, ist die Situation, dass durch die Revolution die Islamisten auf Kurs zur Macht sind.
Aber konkrete Vorteile hat die Revolution für die Christen nicht gebracht?
Damian: Nein, ganz im Gegenteil. Wir leiden jetzt noch mehr. Es gibt vermehrt Anschläge auf Kirchen. Es gibt keinen Schutz für die Kopten, die Täter, die für den Tod vieler Christen verantwortlich sind, wurden nicht bestraft. Die Kopten werden in ihrem eigenen Land nach wie vor als Bürger zweiter Klasse angesehen und behandelt.
In Ägypten läuft jetzt die erste freie Parlamentswahl…
Damian: Das ist keine absolut saubere Wahl gewesen, da gibt es sehr viele Unregelmäßigkeiten, sehr viel Manipulation. Die Muslimbrüder haben die Stimmen der armen, zum großen Teil nicht gebildeten, Menschen gekauft. Viele Christen haben sich zur Wahl gestellt, aber der Prozess ist ja noch nicht zu Ende.
Welche Schutzmaßnahmen bietet der Militärrat, der zurzeit regiert, den Kopten an?
Damian: Keinerlei Schutz. Im Gegenteil: Die ägyptische Armee hat uns an mehreren Stellen sehr aggressiv attackiert, denn der Militärrat ist infiltriert von den Muslimbrüdern und den Salafisten.
Für die Deutschen ist Ägypten ein beliebtes Urlaubsland – wenn die Islamisten regieren, wird sich etwas für die Touristen ändern?
Damian: Wenn diese religiöse Halluzination weitergeht, dann scheuen sich die Touristen, nach Ägypten zu gehen. Und das wird verheerende Auswirkungen auf den Tourismus und somit auf die Einnahmen des Landes haben. Und die Gefahr ist sehr groß, dass es dann erneut eine Revolution geben wird. Und zwar von den Menschen, die an Hunger leiden.
Kann es passieren, dass in Zukunft sogar das Baden im Meer und das Trinken von Alkohol verboten werden?
Damian: Ich weiß nicht, was den Touristen diktiert wird, aber ich möchte in diesem Zusammenhang von einem Gespräch mit einem koptischen Geschäftsmann erzählen, der sein Geschäft in einem sehr vornehmen Ort in Ägypten betreibt. Er erzählte mir, dass seine Kunden, die regelmäßig Alkohol konsumieren, zu über 90 Prozent Muslime sind. Also diejenigen, die ja scheinbar so streng gläubig sind.
Sind die in Deutschland lebenden Kopten in der Gesellschaft gut integriert?
Damian: Ja, sogar sehr gut. Das prominenteste Beispiel ist der koptische Ingenieur Hany Azer, der unter anderem den neuen Berliner Hauptbahnhof gebaut hat. Und übrigens: Die Hälfte aller unserer Gemeindemitglieder sind gebürtige Deutsche.
Interview: RuhrNachrichten
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